Klettern in der Schwangerschaft

Info vorab: Bitte beachte, dass es sich bei diesem Artikel um einen persönlichen Erfahrungsbericht zum Klettern in der Schwangerschaft handelt. Für jegliche Einschätzungen zu deiner individuellen Situation, kontaktiere Fachpersonal wie ÄrztInnen und Hebammen.

Ich werde den Moment nie vergessen… den Tag an dem wir erfahren haben, dass wir Eltern werden. Es war eine riesige Freude für uns und plötzlich ist vieles anders. Das Gefühl, auf das neue Leben im Bauch ganz besonders aufpassen zu wollen… ausreichend schlafen und statt der Schokolade zum Obstkorb greifen. Und so dauerte es auch nicht lange bis ich mir die Frage stellte, wie es denn mit Klettern in der Schwangerschaft so sei.

Als erste Antwort auf die Frage nach Sport in der Schwangerschaft meinte ein Arzt zu mir „gegen Spazieren gehen, Schwimmen und etwas Yoga spricht nichts“. Ahja… also nichts mehr mit Klettern und sonstigem Bergsport? Das wollte ich nicht wahrhaben – vor allem nicht als Einschätzung von einem Arzt, der so wirkte, als hätte er mit Sport nicht viel am Hut.

Ich war ziemlich geknickt und hab mir einen Termin bei meinem Sportmediziner ausgemacht.

„Schwangerschaft ist ein Zustand und keine Krankheit“.

sagte er zu mir. Ich könne all das tun, was ich vorher auch gemacht habe. Einzige Einschränkung – wenn etwas weh tut, dann soll ich das bleiben lassen. Und es soll alles im Pulsbereich unter 140 bleiben. Klettern fand er sogar eine richtig gute Idee. Juhuuuu!!!

Das erste Drittel – die große Müdigkeit

Die ersten Klettertage mit meinem kleinen Passagier an Bord liefen richtig gut. Ich merkte kaum einen Unterschied zur Zeit davor – einzig beim Vorstiegklettern hatte ich kein gutes Gefühl mehr und so habe ich das relativ bald bleiben lassen. Das Ende des ersten Drittels war bei mir geprägt von starker Müdigkeit. Ich kann mich noch gut an den wunderschönen Spätsommertag am Felsen erinnern. 3 Routen im Nachstieg, keine schwerer als 5c und der Klettertag war für mich beendet. Ich hatte beim Klettern das Gefühl einzuschlafen und und musste nach jeder Route eine längere Pause machen. Uiuiui – da dachte ich schon, dass es mit Klettern vorbei sein könnte – mit so einer Müdigkeit macht das nicht viel Freude.

Das zweite Drittel – die Energie kommt zurück

Es wurde wieder besser – die bleierne Müdigkeit ging vorbei und meine Energie kam zurück. Da es Winter wurde, war ich in der Halle zum Klettern unterwegs. In senkrechten Wänden ging es mir dabei richtig gut – Überhänge habe ich relativ bald bleiben lassen. Die Bauchmuskeln gehen in der Schwangerschaft auseinander und ohne diese Muskeln war es für mich fast unmöglich, längere Strecken im Überhang zu klettern. Auch dynamische Züge waren für mich plötzlich nicht mehr möglich. Und für statisches Klettern im Überhang fehlte mir mit zunehmendem Gewicht einfach die Kraft 😉

Waren mir in Kletterrouten die Abstände der Griffe zu weit, um den Zug statisch machen zu können, so habe ich andersfarbige Zwischengriffe hinzugenommen. Für mich wurde es immer wichtiger, die Bewegung zu genießen und aktiv zu bleiben, als eine Route korrekt zu klettern. Und mit 10 kg Trainingsgewicht extra wird eine Kletterroute wegen eines Zwischengriffs oder eines zusätzlichen Tritts sowieso nicht viel leichter als angegeben 😉

Das letzte Drittel – jetzt wird’s anstrengend

In den letzten Wochen der Schwangerschaft ist Klettern schon deutlich beschwerlicher. Meine Schuhe konnte ich mir nur noch im Sitzen anziehen – hinunterbeugen zu den Füßen war nicht mehr möglich. In der Kletterhalle habe ich mir einen Gurt in Größe XL ausgeborgt…. meiner hätte nicht mehr über den Bauch gepasst. Ich hatte insgesamt bereits knapp 15 kg zugenommen. Damit machte es für mich schon einen gewaltigen Unterschied ob eine Wand senkrecht oder nur ein paar Grad geneigt war. Die Griffkombinationen wurden zunehmends immer bunter – manche Routen, die mir von der Kletterei gelegen kamen (senkrechte Routen, Leistenkletterei, keine weiten Züge) konnte ich aber auch in dieser Phase noch gut klettern.

Klettern Schwangerschaft

 

Irgendwann kam der Tag - es war ein Mittwoch - als ich zu meinem Mann sagte, dass es wohl jetzt wirklich bald vorbei sein wird mit Klettern. Meine Hüfte hatte sich gelockert und das tat mir beim höher steigen immer wieder mal weh. Wir wollten am Samstag noch einmal zum "Abschiedsklettern" in die Halle schauen. Das ist sich aber nicht mehr ausgegangen - 2 Tage später war unser kleiner Max da 🙂

Es geht wieder los

Meine Hebamme (sie wusste ganz genau, dass ich einen ziemlich großen Bewegungsdrang habe) hat mir ganz schön ins Gewissen geredet, dass ich die ersten 10 Tage nach der Geburt absolute Ruhe geben soll. Daran habe ich mich auch gehalten und nach etwas über 2 Wochen habe ich es das erste Mal wieder mit Klettern probiert. Es war ein sehr ungewohntes Gefühl - der Körperschwerpunkt plötzlich ganz anders und auch mein Klettergurt hat wieder gepasst. Max war im Kinderwagen mit dabei und wir konnten knapp 2 Stunden klettern, bevor er wieder hungrig wurde.

Hätte mir vor der Schwangerschaft jemand gesagt, dass meine Kletterpause gerade mal so lange dauert wie ein Urlaub - ich hätte es für unmöglich gehalten.

Zurück zur Normalität - oder auch noch nicht

Jetzt ist Max schon über 3 Monate alt und kommt immer noch im Kinderwagen mit zum Klettern. An manchen Tagen verschläft er die Kletterei vollkommen, meistens schaut er uns mit seinen großen Kulleraugen zu. Und an manchen Tagen möchte er mehr Aufmerksamkeit und im Geschehen mit dabei sein. Da ist dann Flexibilität gefragt 🙂

Klettern mit Baby

Noch ist das Klettern nicht wieder wie früher - meine Bauchmuskeln sind zwar wieder dort wo sie hingehören... ich kann auch wieder überhängend klettern... aber die Schwangerschaft hat doch ihre Spuren hinterlassen. Mein Hüftgelenk ist immer noch weicher und damit ist Stürzen für mich weiterhin tabu. Routen, die ich sicher klettern kann, steige ich wieder vor. Mit der Verantwortung für unseren kleinen Zwerg und nach fast einem Jahr ohne Vorstieg ist auch meine Angst ganz gewaltig wieder zurückgekommen. Zu Beginn konnte ich mich am Top kaum ins Seil setzen und wäre am Liebsten abgeklettert. Zum Glück habe ich aber einen ganzen Koffer an mentalen Techniken zur Verfügung, die mir dabei helfen, zu meiner mentalen Stärke zurück zu finden.

Bis ich wieder an der Leistungsgrenze vorsteigen kann, wird es vermutlich noch einige Monate dauern. Im Nachstieg gelingt mir schon wieder annähernd der Schwierigkeitsgrad von vor der Schwangerschaft. Wann ich solche Routen auch wieder vorsteigen kann? Meine Physiotherapeutin vermutet, dass ich mich bis zum Ende der Stillzeit gedulden muss, da sich erst dann die Gelenke wieder final stabilisieren.

Abgesehen von den körperlichen Einschränkungen merke ich, dass die Leistungsfähigkeit als frisch gebackene Mama nicht so berauschend ist. Vor allem nach einer schlaflosen Nacht, in der Max unzählige Male Hunger hatte, läuft es am nächsten Tag mitunter nicht so, wie ich mir das vorstellen würde. Da bin ich auch mal frustriert. Aber es hilft nichts - den Schwierigkeitsgrad runter schrauben, Freude an der Bewegung finden und das soziale Miteinander genießen - dann wird die Stimmung auch wieder besser.

Reaktionen von anderen KletterInnen

99,9 % der Reaktionen, die ich in der Schwangerschaft erhalten habe, waren absolut positiv und bestärkend. Es waren viele ganz tolle Rückmeldungen von Mamas, Papas und werdenden Eltern dabei.

Aber es gab auch andere Situationen - die Kritiker, die meinten, ob das denn wirklich sein müsse. Zum Beispiel als ein älterer Herr zur Betreiberin der Kletterhalle meinte, sie müsse mir das Klettern verbieten - es sei einfach unverantwortlich. Das hat sie natürlich nicht gemacht. Als sie mir das erzählt hat, war ich aber schon ziemlich traurig - traurig, weil er nicht direkt mit mir gesprochen hat und noch mehr traurig, dass er mir zugetraut hat, dass ich mein Baby gefährden würde. Denn dass es unserem kleinen Zwerg im Bauch gut geht, war für mich immer das Allerwichtigste.

Manchmal war es für mich nicht leicht mit der Kritik umzugehen. Ist mein Gefühl etwa falsch, dass Klettern für uns gut passt? Andererseits - wie möchte jemand, der mich überhaupt nicht kennt... der nicht weiß, wie ich vorher geklettert bin und wie ich das Klettern jetzt in der Schwangerschaft anlege, darüber urteilen, was gut ist und was nicht? Mit der Entscheidung für ein Kind haben wir eine ganz große Verantwortung übernommen, die wir noch viele Jahre haben werden - und dazu gehört für uns auch, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Nicht erst, wenn der Kleine auf der Welt ist - sondern auch schon in der Schwangerschaft. Und genau das haben wir getan.

Fazit

Mir hat die Bewegung in meiner Schwangerschaft extrem gut getan. Rückenschmerzen, Ischiasprobleme und sonstige Wehwehchen in der Schwangerschaft waren immer besser, nachdem ich klettern war. Auch hatte ich durch die Bewegung das Gefühl, für die Geburt fit zu sein. Das hat mir sehr viel Zuversicht gegeben in Hinblick auf den großen Tag. Rückblickend kann ich sagen - ein Kind auf die Welt zu bringen ist eine körperliche Höchstleistung - allgemeine Fitness kann da ziemlich hilfreich sein.

Geht's der Mama gut, geht's auch dem Baby gut!

Während der Schwangerschaft war es beim Klettern ein Auf und Ab. Ich hatte das Gefühl als wären es Entwicklungsschübe, in denen der Bauch wächst und in denen sich der Körper erneut anpassen muss. Alle paar Wochen hatte ich einen Klettertag an dem sich gar nichts stimmig angefühlt hat. Die Aufwärmrouten waren für mich so schwer, dass ich kaum hinauf gekommen bin. Das Klettern hat sich einfach "eckig" angefühlt. Auch war es an diesen Tag das nach-oben-Strecken zu den Griffen unangenehm in der Bauchgegend. Ich weiß nicht wie oft ich zu meinem Mann gesagt habe - ich glaub jetzt geht es mit dem Klettern bald dem Ende zu. Und beim nächsten Mal war wieder alles anders und lief richtig gut.

Hinweis für alle nicht-Schwangeren

Eine Schwangerschaft ist verdammt anstrengend und für werdende Mamas ist es nicht immer leicht. Der eigene Körper verändert sich... es gibt Tage, da schaut man in den Spiegel und erkennt sich selber nicht wieder. Es ist eine Phase großer Unsicherheit... ein neuer Lebensabschnitt steht bevor. und manchmal macht sich auch ein Gefühl von Überforderung breit. Da freut man sich als Mama, wenn man mal von anderen hört "hey, du machst das super". Solltest du es - aus welchen Gründen auch immer - nicht gut heißen, wenn eine werdende Mama sportlich aktiv ist, dann behalte es am besten für dich - vor allem wenn dir die Person nicht nahe steht. Bei all den Veränderungen, die man als werdende Mama durchmacht, ist Kritik am eigenen Tun das Allerletzte was man brauchen kann. Positive und aufmunternde Worte sind hingegen Balsam für die Mama-Seele 🙂

Meine Tipps für werdende Kletter-Mamas

  • Such dir einen Arzt, eine Ärztin mit Verständnis für Sport. Von einem Sportmuffel, für den Klettern bei nicht-Schwangeren schon an Wahnsinn grenzt, wirst du nur schwer eine qualifizierte Einschätzung für deine sportlichen Aktivitäten bekommen.
  • Hör auf deinen Körper. Dein Körper meldet dir sofort zurück, wenn etwas nicht passt. Nimm Schmerzen ernst und vermeide Bewegungen, die dir unangenehm sind.
  • Lass es dir gut gehen. Eine Schwangerschaft ist der falsche Zeitpunkt für Routen, die du noch nie mögen hast. Klettere das, was dir Freude macht und genieße die Bewegung.
  • Wähle deine KletterpartnerInnen sorgfältig aus. Sei mit Personen unterwegs, die Verständnis haben, wenn du den Klettertag nach 2 Routen abbrechen möchtest. Umgib dich mit Menschen, die dir auch an solchen Tagen ein Lächeln schenken und ein gemütliches Alternativprogramm vorschlagen.
  • Hab Geduld mit dir und bleib dran! Wenn an einem Tag gar nichts geht - schau ein paar Tage später nochmal zum Klettern. Vielleicht ist es da schon wieder ganz anders.

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Herzliche Grüße,

 

 

1 Kommentar

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    Nina

    Antworten Antworten 1. August 2019

    Schöner Artikel!
    Ich bin auch im 9. Monat noch geklettert. Meine Hebamme hat mir auch zu Beginn der Schwangerschaft davon abgeraten und schwimmen, Rad fahren, spazieren als Sport empfohlen.
    Ich vermute, es daran lag, dass sie vom Klettern keine Ahnung hat. Persönlich beurteile ich z.B. das Risiko eines Sturzes beim Fahrrad fahren viel höher als das eines Sturzes im gut gesicherten Toprope unter meiner Leistungsgrenze.

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